Klimaschutz vor der Tür: «Den Wald zum Verbündeten machen»

Regionale Moor-, Wald- und Agroforstprojekte sind effektive Klimaschutzmaßnahmen vor unserer Haustür. Sie erhöhen die Biodiversität, fördern die Anpassung an den Klimawandel und tragen zur Erreichung der Klimaziele bei. Ermöglicht werden sie durch Klimaschutzbeiträge von Unternehmen und Privatpersonen. Susan Gille ist Teamleiterin bei myclimate und gibt einen Überblick über Chancen und Herausforderungen.

Susan, du leitest das Team «naturbasierte Lösungen» bei myclimate. Was bedeutet das?

In unserer Abteilung für Klimaschutzprojekte beschäftigt sich unser Team speziell mit naturbasierten Lösungen. Das sind Ansätze, die die natürlichen Prozesse der Natur nutzen, um gesellschaftliche Herausforderungen wie den ⁠Klimawandel⁠ nachhaltig zu adressieren und Synergien zum Biodiversitätsschutz zu schaffen. 

Was uns in unserem Team verbindet, ist eine starke Motivation für den Schutz und den Erhalt unserer wertvollen Ökosysteme. Wir sind alle stark naturverbunden, daher ist das eine Herzensangelegenheit für uns! Unser Team besteht aus einer Umweltwissenschaftlerin, einer Biologin, Landwirtschafts- und Waldexpert*innen sowie einem Fachexperten für Boden und Pflanzenkohle – so bringen wir unterschiedliche Perspektiven ein, können voneinander lernen und zusammen mit unseren Partnern tolle Projekte entwickeln.    

 

Was können diese Projekte überhaupt leisten?

Naturbasierte Lösungen können, wenn man sie richtig ausgestaltet, gleichzeitig einen Beitrag zu mehreren großen Herausforderungen in dieser Zeit leisten: Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, den Schutz der biologischen Vielfalt und gleichzeitig einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten – das macht sie so wertvoll und spannend. 

Wir haben bei myclimate mittlerweile über 30 Projekte zu naturbasierten Lösungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Raum) entwickelt bzw. unterstützt. Es geht dabei um unterschiedliche Ansätze wie Moor-Renaturierungen, Maßnahmen, die zur Transformation in der Landwirtschaft beitragen oder auch Projekte, die klimaresiliente Wälder fördern. 

 

Hast du konkrete Beispiele?

Ein Beispiel ist unser einzigartiges Förderprogramm für Agroforst, für das sich Landwirtschaftsbetriebe aus der gesamten DACH-Region registrieren können. Unser Umsetzungspartner SilvoCultura berät die Höfe kostenlos direkt vor Ort, wie man ein agroforstwirtschaftliches System anlegt, d.h. Obst-, Nuss- oder andere Bäume mit Ackerbau oder Weidewirtschaft kombiniert. Das ist super spannend für die Höfe - mittlerweile haben sich schon über 100 Betriebe mit über 20.000 Bäumen angemeldet. Agroforstsysteme schaffen Struktur- und Artenvielfalt in der Landwirtschaft, binden CO2 und verbessern gleichzeitig den Wasserhaushalt und die Bodengesundheit. 

Ein anderes schönes Beispiel ist ein innovatives Paludikultur-Projekt in Niedersachsen. In der Region zwischen Hamburg und Bremen gibt es viele landwirtschaftliche Flächen auf trockengelegten Moorböden. Diese verursachen enorme Treibhausgasemissionen, denn der Kohlenstoff des freiliegenden Torfs verbindet sich mit Sauerstoff aus der Atmosphäre und es entstehen CO₂-Emissionen. Wir haben hier einen riesigen Hebel für Klimaschutz und Artenvielfalt, denn wiedervernässte Moorflächen bieten einen einzigartigen Lebensraum für Vögel, Insekten und Pflanzen. Das Projekt in Niedersachen ist besonders, denn dort wird die Wiedervernässung mit der sogenannten Paludikultur kombiniert.  

 

Was bedeutet das konkret?

Es geht in diesem Fall darum, auf der nassen Fläche nachwachsende Torfmoose zu kultivieren und diese nach der Ernte als nachhaltige Alternative für umweltschädliche Torfe zum Beispiel in Blumenerden zum Einsatz zu bringen. Wir unterstützen hier das Start-up Zukunft Moor die dieses Projekt umzusetzen. Mit dabei ist das niedersächsische Umweltministerium, das GreifswaldMoorCentrum als wissenschaftliche Begleitung und der länderübergreifende Zertifizierungsstandard MoorFutures.  

Man kann an diesen Beispielen gut erkennen: Lösungen sind möglich! Es braucht eine Vision, etwas Mut und mehrere starke Partner an Board.

 

Du hast vor einiger Zeit das Waldumbauprojekt in Herzfelde besucht. Mit dabei der Waldbesitzer und unser Projektpartner Pina Earth. Warum hier und was soll dort entstehen? 

In Herzfelde in Brandenburg wird ein ehemaliger Monokulturbestand aus Kiefern sukzessive zu einem artenreichen und resilienten Mischwald umgebaut, der nicht nur CO2 bindet, sondern auch wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen schafft. Hier braucht es Partner mit einer gemeinsamen Vision, die langfristig denken und bereit sind, Arbeit, Zeit und Geld zu investieren – in diesem Fall der Waldbesitzer, das Waldklima Tech-Start-up Pina Earth und wir.

In den letzten Jahren mussten wir leider beobachten, wie Hitzestress, Wassermangel, massive Sturmereignisse und der Borkenkäfer unseren Wäldern zusetzen. Nicht nur Brandenburg, sondern auch andere Regionen wie der Harz, der Thüringer Wald oder das Sauerland sind massiv betroffen – viele von uns kennen wahrscheinlich die Bilder von riesigen Kahlflächen und abgestorbenen Bäumen. Die größten Schäden treten dort auf, wo es große Monokulturen mit Fichten oder Kiefern gibt. Diese Baumarten, aber auch das System der Monokulturen sind weniger widerstandsfähig und reagieren besonders anfällig auf Trockenheit, Stürme und Schädlingsbefall.   

Das zeigt, wie stark der Klimawandel mittlerweile unsere Wälder herausfordert – und wie wichtig es ist, klimaresiliente Mischwälder zu fördern und diese langfristig zu stärken. 

Was macht Herzfelde besonders?

Was uns besonders gefällt, ist, dass dort nach den Prinzipien der naturnahen und nachhaltigen Waldbewirtschaftung gearbeitet wird! Der Waldbesitzer fördert unter anderem eine sehr hohe Baumartenvielfalt mit mehr als 20 Arten. Dies geschieht einerseits durch natürliche Verjüngung und Pflege sowie andererseits durch das Einbringen und den Schutz von Baumsetzlingen an geeigneten Standorten. In Zukunft wird man so erkennen können, wie die vielen unterschiedlichen Arten auf die neuen klimatischen Bedingungen reagieren. Uns ist es auch wichtig, dass der langfristige Schutz der Artenvielfalt hier eine wichtige Rolle spielt. Die Projektregion umfasst naturnahe Gewässer und Feuchtgebiete, in denen seltene & bedrohte Tierarten wie z.B. Schwarzstorch und Eisvogel sich wohlfühlen und ansiedeln. So machen wir den Wald zum Verbündeten beim Kampf gegen den Klimawandel!

 

Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung regionaler Klimaschutzprojekte?

Schlicht die Kosten. Wenn wir beim Beispiel der Waldprojekte bleiben: Für ganz Deutschland gehen wissenschaftliche Experten wie das Thünen Institut von Kosten zwischen 14 und 43 Milliarden EUR für die Anpassung der Wälder an den Klimawandel aus. Diese Herausforderung ist für Waldbesitzer allein kaum zu stemmen, auch nicht allein durch staatliche Fördergelder. Der Waldumbau ist damit eine Generationenaufgabe, zu der wir unseren Teil beitragen wollen. 

 

Wie sieht dieser Beitrag aus?

Eine besondere Rolle bei der Finanzierung solcher Projekte spielt die Unterstützung durch Unternehmen und Privatpersonen. Bezogen auf das Herzfelde-Projekt bildet die CO2-Zertifizierung unter dem deutschen Waldklima-Standard dafür ein geeignetes Rahmenwerk, welches die zusätzliche Klimaleistung in Wert setzt. So können notwendige Maßnahmen finanziert und umgesetzt werden, die sonst nicht möglich gewesen wären. Die Zertifizierung hat mehrere Vorteile: Zum einen wird der CO2-Effekt des Projektes wissenschaftlich berechnet. Dafür nutzt unser Partner Pina Earth ein digitales Simulationsmodell. Zum anderen werden die Maßnahmen und deren Umsetzung im Wald langfristig durch den Waldklima-Standard selbst und zusätzlich extern vom TÜV überprüft. 

Unternehmen, mit denen wir eine CO₂-Bilanzierung durchführen und Absenkpfade erarbeiten, können so Verantwortung übernehmen und für ihre bislang unvermeidbaren Emissionen Klimaschutzprojekte finanzieren. Sie ermöglichen mit ihren finanziellen Beiträgen dringend benötigte Projekte, die nicht nur Klimaleistungen erbringen, sondern wertvolle Ökosysteme schützen und noch viel mehr schaffen. So kommt das benötigte Geld in die Projekte. 

Dass sich dies lohnt, zeigt eine Zahl: 3,3 Mio. Tonnen. So viele Emissionen konnten wir dank dieses Engagements allein 2023 gegenfinanzieren. 
 

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